Barmherzig sein

Barmherzig sein – Christus begegnen
Wie geht ein barmherziges Leben heute?
Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden: Die Werke der Barmherzigkeit scheinen – oberflächlich betrachtet – in Zeiten von sozialer Marktwirtschaft und Sozialstaat nicht mehr so dringlich zu sein wie einst, als Jesus sie formulierte und die christliche Tradition sie lebendig hielt. Der evangelische Theologe und Publizist Fulbert Steffensky beschreibt, was Barmherzigkeit heute bedeuten kann.

7. Tote begraben

Noch gab es keine Kultur ohne Sorge für die Toten. Es bildeten sich Bruderschaften, die sich der Beerdigung und des Gedächtnisses der Toten annahmen. Zu deren Aufgaben gehörte das Begräbnis mittelloser, verfemter und hingerichteter Personen. Zu diesem Werk der Barmherzigkeit gehörte die Sorge für ihre Seele. So entwickelte sich ein Armeseelenkult, der besonders in katholischen Gegenden heute noch zu finden ist. Unbeerdigt bleibt in unserer heutigen Gesellschaft niemand, aber vergessen werden viele. Wer human leben will, muss die Namen der Toten kennen, muss wissen, was ihnen gelungen und misslungen ist. Dies gilt nicht nur für die Toten aus dem Kreis der eigenen Verwandtschaft.

In allen Kulturen gibt es die Grundabsicht, die Toten heimzuholen und sie nicht in fremder Erde begraben sein zu lassen. Sie heimholen heißt ihrer gedenken. Das Gedächtnis der Toten lässt sie noch einmal bei uns sein und macht ihren Tod zu einem Erbe und zu einer Pflicht.
In lateinamerikanischen Basisgruppen erzählen sich die Bauern das Schicksal der von den Großgrundbesitzern Ermordeten. Die Gruppe antwortet auf die Erzählung mit dem Ruf: Presente! Sie sind hier.
Zwei Dinge muss man von den Toten wissen: was sie gelitten und was sie geträumt haben. Dieses Wissen stiftet Heimat. Denn Heimat ist der Ort der gehäuften Erinnerung. Zu dieser Erinnerung gehört alles, was den Toten angetan und vorenthalten wurde. Heimat ist der Ort der Erinnerung an die Toten, und die Erinnerung an die Toten stellt Heimat her. Heimat ist also nicht der Ort der ungetrübten Harmonie, sondern der Erinnerung an Lebensgelingen und Lebensverlust, der Ort, an dem die Toten einen Namen haben.

Das siebte Werk der Barmherzigkeit ist auch Barmherzigkeit den Lebenden selbst gegenüber. Komme ich in die saarländische Heimat meiner Kindheit, ist es auch immer eine Rückkehr zu den Toten. Ich gehe auf den Friedhof. Dort liegen meine Eltern, zwei meiner Geschwister, Verwandte und Bekannte. Inzwischen kenne ich auf dem Friedhof mehr Menschen als in dem Dorf, in dem ich geboren bin. Ich bin mit ihnen verbunden, denn die, derer ich mich dort erinnere, haben mir zum Leben verholfen.

Heinrich Böll hat kurz vor seinem Tod einen Text für seine Enkeltochter geschrieben. Er stand dann auf seiner Todesanzeige:
Wir kommen weit her
Liebes Kind
Und müssen weit gehen
Keine Angst
Alle sind bei dir
Die vor dir waren
Deine Mutter, dein Vater
Und alle, die vor ihnen waren
Weit weit zurück
Alle sind bei dir
Keine Angst
Wir kommen von weit her
Und müssen weit gehen
Liebes Kind

Die Erinnerung an die Toten beheimatet uns: Wir haben uns das Leben nicht selbst gegeben. In unser Leben ist hineingestrickt all die Zuneigung und Zärtlichkeit der Menschen, derer wir uns erinnern.

Jeder Mensch, der mir nahe ist und der vor mir stirbt, zieht einen Pflock heraus aus dem Zelt meines eigenen Lebens. Er löst mir die Hand, die sich ins Leben krallen will. Spätestens als meine Schwester und meine Brüder starben, wusste ich, dass ich sterblich bin. Jeder der Freunde, die gestorben sind, sagt mir: Was ich gekonnt habe, das wirst auch du können – sterben. So ist das Gedächtnis der Toten eine Lehre, die uns von dem Trug der eigenen Unsterblichkeit befreit.
Quelle: Wochenzeitung Christ & Welt, Ausgabe 29/2015, www.christundwelt.de. In: Pfarrbriefservice.de

6. Gefangene besuchen

Jesus fragt nicht, ob Menschen zu Recht oder zu Unrecht gefangen sind. Er stellt fest: »Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.« Oder aber drohend: »Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.« Konkret gesagt: Ich war Anders Breivik, der auf einer Insel in Norwegen 69 Kinder und Jugendliche umgebracht hat, und ihr habt mich besucht! Oder: Ich war ein Kinderschänder, und ihr habt mich nicht besucht! Schuldige besuchen – verachtet das nicht die Opfer, verniedlicht es nicht die Schuld?

Die ungezähmte Natur des Menschen fordert Rache. Wer den Leib oder die Seele unserer Kinder verdirbt, soll büßen. Wer getötet hat, soll leiden.
Jesus ist nicht der Erste, der den natürlichen Vergeltungsgelüsten widerspricht, aber er tut es am gründlichsten – mit dem Gedanken der Gnade, der unserer Natur nicht geläufig ist. Er erzählt in vielen Geschichten und zeigt an Beispielen, dass der Mensch nicht eingekerkert ist in das Gefängnis seiner Vergehen. Die Evangelien sind voll von Freilassungsgeschichten: Die Ehebrecherin, die nach dem Gesetz sterben soll, wird freigelassen. Mit Zachäus, dem Zöllner, der mit Recht verachtet wird, weil er die Leute ausgebeutet hat, isst und trinkt Jesus und sagt ihm so, dass er nicht Beute seiner verfehlten Vergangenheit bleibt.

Provokativ wird erzählt, dass sein eigentlicher Ort die Gemeinschaft mit den Sündern und Zöllnern, mit den Fressern und Säufern und anderen Ausgestoßenen der Gesellschaft war. Wir haben die Geschichten gehört und im Hören gesäubert, dass wir die Fresser, Säufer und Betrüger für ganz nette Kerle halten. Aber sie waren so wenig nett, wie die Fresser, Säufer und Betrüger es heute sind.

Der Kern des Evangeliums ist der Gedanke der Gnade. Sie ist die Absicht des Gottes, den Jesus in diesen Geschichten zeigt. Es ist keine billige Gnade, denn die Schuld des Menschen wird nicht klein-geredet. Gott vergibt, aber er befreit nicht von den Folgen der Verbrechen. Er lässt Menschen leben und lässt sie neu anfangen, beladen mit der Last ihrer Untat. Die Schuldigen sind Gesegnete und Geschlagene zugleich. Gott hält Menschen für mündig, darum auch für schuldmündig. Wir sind Menschen mit Gewissen und mit der Fähigkeit, unser Leben zu verspielen. Sünde und Schuld sind keine Ausdrücke, die uns erniedrigen. Sie sagen etwas über die Größe des Menschen. Je ernster man sich selbst nimmt, umso ernster nimmt man auch seine Sünde und seine Schuld.

Eine Gesellschaft darf sich vor Straftätern schützen. Doch vor Gott ist der Mensch gnadenverdächtig. Gnade kann also nicht nur gedacht werden für den Fall, dass ein Straftäter kein Risiko für die Gesellschaft mehr ist. Sie muss von dem Moment an mitgedacht werden, ab dem dem Täter das Handwerk gelegt ist. Ob eine Gesellschaft den jesuanischen Gnadengedanken konsequent verfolgen kann, weiß ich nicht. Es ist wie mit der Bergpredigt: Sie ist unmöglich und unentbehrlich. Aber sicher ist, dass die Gesellschaft zu einer barbarischen Horde wird, wo Gnade nicht ein ständiges Regulativ wird; wo sie nicht ihre Gerichte, ihre Urteile, ihre Gefängnisse, ihre Strafmechanismen vom Gnadengedanken her infrage stellen lässt.

Am deutlichsten wird dies beim Ruf nach der Todesstrafe. Gelegentlich überfällt uns der Wunsch danach, wenn beispielsweise Kinder geraubt und in Kinderbordelle gesteckt werden. Aber das Evangelium bindet uns die Hände und reinigt unsere Wünsche. Es erlaubt keine Lösung, bei der die Kerker endgültig verschlossen bleiben. Es erlaubt kein »lebenslänglich«. Dies gegen das eigene Herz zu glauben, auch das hieße Gefangene besuchen.
Fortsetzung folgt. Quelle: Wochenzeitung Christ & Welt, Ausgabe 29/2015, www.christundwelt.de. In: Pfarrbriefservice.de

5. Kranke pflegen
Barmherzig zu sein zu dem Leben, das sich nicht mehr selbst versorgen kann, liegt nicht in der Natur des Menschen. Es gab Gesellschaften genug, die Schwache und Lebensunfähige schlicht ausgestoßen haben – wir brauchen nur an die Nazi-Zeit zu denken.

Es war auch nie selbstverständlich, dass man alle Kranken pflegte. Noch heute werden in manchen Gesellschaften zwar die Kranken der eigenen Familie versorgt. Wer aber nicht zur Sippe gehört, bleibt auf der Strecke.


Zur wundervollen Humanität Jesu gehört seine Art, Grenzen zu durchbrechen: zwischen »unseren« Kranken und den anderen, zwischen »unseren« Leuten und den Fremden, zwischen Männern und Frauen, zwischen Gerechten und Sündern, zwischen Juden und Heiden. Die Angst errichtet Grenzen, die Güte hebt Grenzen auf.

Wundervoll sind auch die Kirchen, die sich in den Werken der Barmherzigkeit diesen Geist Christi zum Grundgesetz gemacht haben. Immer wieder haben Einzelne oder Gruppen gehört, was Christus sagte: »Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht.« Orden haben sich der Pflege der Kranken und damit der Absicht Christi verschrieben: Kamillianer, Lazaristen, Kreuzschwestern, Barmherzige Brüder. Sie haben getan, was die Gesellschaft vernachlässigte.
Mit manchen Krankheiten kann man sich in der Gesellschaft sehen lassen: Der Herzinfarkt scheint dem Ansehen des Arbeitswütigen nicht zu schaden und das Magenleiden nicht dem Manager. Eine Geisteskrankheit aber oder Aids betrachtet die Gesellschaft eher als Verschlusssache. Diese Kranken sollen einem nicht unter die Augen kommen. Aber der Mensch braucht die Öffentlichkeit wie das tägliche Brot. Man muss sich zeigen dürfen, erst dann wird man einsichtig. Man kann sich allein in der eigenen Krankheit nicht annehmen. Darum schulden wir den Menschen die Öffentlichkeit unseres Blickes.

Dass Menschen eigene oder fremde Krankheit nur schwer annehmen können, hat auch mit der unseligen Verbindung von Krankheit und Schuld zu tun. Als die Jünger auf einen blind Geborenen treffen, fragen sie Jesus: »Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern?« Wenn eine Schuld festgestellt werden kann, scheint die Krankheit gerecht und das Leben wieder recht.

Auf die Frage der Jünger antwortet Jesus: »Weder der Kranke hat gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden.« Jesus heilt den Blinden. Er schaut nicht nach hinten, nach Grund und Ursache. Das tröstet und heilt niemanden. Er schaut nach vorne: Die Fesseln der Krankheit sind nicht das Letzte, was zu sagen ist. Ein tröstlicher Satz, wenn wir auch nicht wissen, wie er wahr wird.

»Es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden.« Das Versprechen dieses Satzes hat in der Tradition einen wundervollen Ausdruck gefunden: die Krankensalbung. In der Salbung wird dem Kranken das Unerledigte, das Zerbrochene und Zersplitterte seines Lebens bedeutet. Es ist ein realistischer Akt, der an den Zerstörungen des Lebens nicht vorbeisieht zugunsten einer trügerischen Harmonie. Und es ist ein kühner Akt, der eine Zusammenfügung des Zersplitterten verspricht. Die Geste sagt: Gott lässt niemanden in eisige Abgründe stürzen, auch die Stürzenden nicht.
Fortsetzung folgt.
Quelle: Wochenzeitung Christ & Welt, Ausgabe 29/2015, www.christundwelt.de. In: Pfarrbriefservice.de

4. Nackte bekleiden
Die erste Güte, die Menschen nach ihrer Geburt erfahren: Sie werden gestillt, und sie werden bekleidet. Nacktheit ist wohl die tiefste Form der Verletzlichkeit und der Wehrlosigkeit. Jemanden bekleiden heißt, jemanden am Leben erhalten.
Wie bekleiden wir unsere Kinder, dass sie leben können, dass sie ihre Lebenshäuser als warme und bewohnbare Stätten erleben? Wo wärmen sich unsere Kinder an der alten Sprache, die uns sagt, dass das Leben gut ist; dass Gott es in seiner Hand hält und dass nichts in eisige Abgründe stürzt?

In Erich Kästners Roman »Das doppelte Lottchen« hat ein raffinierter Plan der Zwillingskinder die getrennt lebenden Eltern wieder zusammengebracht. Sie überlegen, ob sie dem Wunsch der Mädchen folgen und zusammenbleiben können. Diese warten während des Gesprächs voller Angst und Hoffnung vor dem Zimmer, und eines sagt zum anderen: »Wenn wir jetzt doch beten könnten!« Aber es fällt ihnen nur das Gebet ein: »Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!« Damit hatten sie noch eine letzte Erinnerung an das Gebet, an die große Sprache der Wünsche, die ausgreift bis ins Land des Gelingens und die in störrischem Trotz mehr verlangt, als die Gegenwart bietet.

Es ist schön, dass die Zwillinge im »Doppelten Lottchen«, dass meine Enkelkinder eine große poetische Sprache für ihre Wünsche und Befürchtungen haben. Es ist schön, dass unsere Kinder ihr Leben bergen können in die großen Bilder des Glaubens; dass sie es bergen können in die Hände und den Schoß Gottes. Es ist schön, wenn sie das Essen nicht anfangen, als sei das Brot eine pure Selbstverständlichkeit, sondern vorher ein Wort des Dankes sprechen.
Wie hilft der Glaube den Kindern leben? Eigentlich nicht anders als Erwachsenen. Kinder sind Menschen mit Ängsten und Wünschen. Sie müssen Angstlosigkeit und Lebensvertrauen lernen. Warum sollten wir ihnen die Sprache vorenthalten, die sie tröstet und die ihre Ängste bannen kann? Kinder erleben jetzt, wie ihre Eltern sich trennen, sie sehen jetzt die Bilder des Krieges, die sie erschrecken. Sie erleben jetzt, wie Menschen um sie herum sterben.
Wie aber lehren wir die Sprache der großen Wünsche, der Träume und des Rechts, wenn der Glaube von uns Älteren und Alten selber seine Risse bekommen hat?

Vor einiger Zeit erzählte eine junge Frau von ihren kleinen Kindern und sagte dann: »Mein Glaube ist im Laufe der Jahre brüchig geworden. Aber eines kann ich noch: Ich zeichne den Kindern jeden Abend ein Kreuz auf die Stirn und sage zu jedem: Gott behüte dich.« Die junge Frau bedeckt ihre Kinder am Abend mit einem Zeichen, an das ihre Hand mehr glaubt als ihr Herz. Weil sie ihre Kinder liebt, liefert sie sie nicht nackt den kalten Nächten aus.
Ich bewundere die Demut dieser Frau, die ihre eigene Glaubenskargheit nicht zum Maßstab für das macht, was sie ihren Kindern erzählt. Der Hunger der Kinder öffnet ihr den Mund für das, was sie selbst kaum sagen kann. Der Hunger der Kinder baut an ihrer Sprache. Sie lernt den Glauben, indem sie das kleine Zeichen des Glaubens wagt. Sie lässt ihre Kinder nicht am mageren Arm ihrer eigenen Redlichkeit verhungern.
Fortsetzung folgt.
Quelle: Wochenzeitung Christ & Welt, Ausgabe 29/2015, www.christundwelt.de. In: Pfarrbriefservice.de

3. Fremde beherbergen
Es ist, als ob sich in der Gerichtsrede Jesu zwei Bilder übereinanderschöben, bis das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden ist. Das eine Bild zeigt einen Menschen, der Herberge und Obdach sucht – vielleicht eine vergewaltigte Frau aus dem Sudan. Das andere Bild zeigt das Gesicht Christi. Christus selbst interpretiert diese Bilder: »Was ihr einer von diesen Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.« Die Fremde, der Gast, der aus seiner Heimat Verjagte, die vor dem Hunger Geflohene – wer sehen kann, erkennt in ihnen die Gesichtszüge Christi.

Die Kirchen haben sich verlocken lassen: Sie arbeiten gegen die Fremdenfeindlichkeit

. Das macht sie zu einem Haus, in dem man wohnen kann. Es gibt viele Dokumente, viele Predigten, in denen sie die Fremdenfeindschaft anprangern und die zeigen, was Fremden damit angetan wird.
Im Dorf, in dem ich aufwuchs, kannte man praktisch keine Fremden. Es gab keine Ausländer, fast alle waren katholisch, man kannte nur das Christentum und keine Sexualität als die offiziell gebilligte, keine andere Form der Kindererziehung als die übliche und keine andere Weise des Kochens als die immer schon gewohnte. Es lebte sich gut in diesem Dorf, wenn man dazugehörte.
Das war ein Problem. Man weiß nur, wer man ist, wenn man sich dem Schmerz der Fremdheit aussetzt. Man lernt den eigenen Reichtum erst kennen, wo man sich mit fremden Lebensentwürfen und fremder Religion auseinandersetzen muss. Und man lernt den eigenen Mangel erst kennen, wenn man auf den Reichtum der Fremden stößt.

Und natürlich bedroht der Glaube an die eigene Einzigartigkeit all jene, die nicht sind wie man selbst. Die eigene Art für die allein selig machende zu halten birgt immer die Gefahr, andere Lebensarten zu verachten oder gar auszurotten. Die dumpfeste, geistloseste und tödlichste Zeit war die Nazi-Zeit mit ihrem Rassismus, ihrem Glauben an die nordische Herrenrasse, ihrer Verfolgung aller Abweichler und aller, die den verordneten Glauben an die Götzen Führer, Volk und Vaterland nicht teilten.

Es gehört also zum Reichtum und zur Schönheit des menschlichen Lebens, die Fremden und das Fremde zu ertragen, zu beherbergen, sich damit auseinanderzusetzen, davon zu lernen und damit im Eigenen gewisser zu werden. Ganz leicht ist das nicht. Das Fremde ängstigt auch. Alles, was ist wie wir selbst, ist uns vertraut und berechenbar. Man braucht sich der Zurückhaltung oder gar der Angst vor dem Fremden nicht zu schämen, sie ist natürlich.
Der Mensch ist nicht von Natur aus fremdenfreundlich. Das stellen wir nicht erst fest, seit Menschen anderer Kontinente und Hautfarben bei uns Schutz und Herberge suchen. Wer

kennt nicht aus alten Zeiten die Feindschaft zwischen Dörfern, die kaum einen Kilometer auseinanderliegen, die Verachtung der Bayern den Preußen gegenüber (und umgekehrt), den scheelen Blick der Katholiken auf die Protestanten (und umgekehrt)? Menschen wollen Grenzen zwischen sich und dem Fremden. Vielleicht hat dies sogar einen Sinn. Grenzen vergewissern uns dessen, wer wir sind und wer wir nicht sind.

Die Frage ist aber, ob die Angst uns so weit bringt, dass wir anderen das Lebensrecht absprechen. Die Werke der Barmherzigkeit lehren: Alle Fremden gehen uns etwas an, alle Hungernden, alle Dürstenden und alle, die das Leben schlägt. Aber die Gebote Gottes sind nicht moralische Peitschen. Sie sind die Zumutungen eines schönen und menschenwürdigen Lebens.

Fortsetzung fogt.

Quelle: Wochenzeitung Christ & Welt, Ausgabe 29/2015, www.christundwelt.de. In: Pfarrbriefservice.de

2. Die Durstigen tränken
Durstige zu tränken scheint leicht. Wasser kostet nicht viel. Doch auf den zweiten Blick stellt sich die Lage anders dar: Die Austrocknung des Bodens schreitet weltweit voran. Wüsten wachsen durch die von Menschen gemachte Erwärmung des Klimas. Wälder werden abgeholzt, Wasser wird knapp, weil immer größere Flächen mit immer mehr Vieh überweidet werden, um den Fleischkonsum in den Industrienationen zu befriedigen.

Es gibt schon Ströme von Wasserflüchtlingen. Experten sagen Kriege um Wasser voraus. Wasser könnte in die Hände skrupelloser Profiteure geraten. Der Anfang ist gemacht: In manchen Regionen der Welt sind Menschen darauf angewiesen, Wasserflaschen von Firmen zu kaufen, die Raubbau am Grundwasser betrieben haben.

Die Werke der Barmherzigkeit haben einen politischen Namen: Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist strukturell gedachte Liebe. Eine solche Liebe weiß, was der Markt und die Ökonomie den Menschen antun können. Solidarität ist die Haltung, die die Bedingungen und die Strukturen des menschlichen Lebens bedenkt.
Zwischen Nächstenliebe und Solidarität besteht ein Unterschied in der Pointierung, nicht aber im Wesen. Solidarität ohne Liebe in rein moralisch-politischer Mechanik wird leer. Liebe ohne Intelligenz, Liebe ohne den Blick für Recht und Unrecht wird blind und hilflos.

Die Kirchen wissen um diesen Unterschied. Sie sind daran gereift, die Beseitigung von Hunger und Durst nicht nur als eine privat-karitative Aufgabe zu verstehen, sondern zu überlegen, wodurch Hunger und Durst entstehen und wer vom Hunger der anderen profitiert. Sie nehmen mehr und mehr ihre prophetische Aufgabe wahr, in verblendeten Zeiten störrisch auf dem Willen Gottes zu bestehen.

Neben den sogenannten leiblichen Werken der Barmherzigkeit hat die christliche Tradition auch geistliche Werke der Barmherzigkeit genannt, darunter das Werk »Die Sünder zurechtweisen«. Auch Sünde hat eine politische Dimension. Sie wurde zu lange als Privatsache verstanden, und zu lange legte die Kirche dabei das Hauptaugenmerk auf die Sexualität. Stattdessen sollte sie sich auch in der Öffentlichkeit immer als Anwältin der Armen zeigen, die sich um die gerechte Verteilung der Güter sorgt.

Fortsetzung folgt.
Quelle: Wochenzeitung Christ & Welt, Ausgabe 29/2015, www.christundwelt.de. In: Pfarrbief.de
1. Die Hungrigen speisen

Die Werke der Barmherzigkeit sind nicht nur moralische Akte. »Was ihr einem meiner

geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan«, sagt Jesus denen, die diese Werke getan haben. Es sind also zugleich Christusbegegnungen. »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben« (Mt 25,35) – so lautet das erste Werk der Barmherzigkeit. Die gründlichste Armut ist der Mangel an Nahrung. Dem Hunger gilt deshalb die erste Aufmerksamkeit Gottes, und so heißt es in der Bergpredigt (Lukas 6,21): »Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden.« Die Hungernden werden nicht seliggepriesen, weil sie fromm sind, weil sie den rechten Glauben haben oder besser sind als andere. Sondern weil ihnen das Grundmittel zum Leben verweigert wird, das Brot, und weil sie gesellschaftlich verachtet sind.Die Frau, die ihr eigenes Kind verletzt, damit es beim Betteln mehr Geld bekommt – sie ist nicht fromm, aber sie ist arm. Viele sind zu arm, um gütig zu sein. Sie sind zu arm, um fromm zu sein. Im Abschlussdokument der Generalversammlung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz 1979 in Puebla heißt es: »Die Armen verdienen ein vorrangiges Augenmerk, ungeachtet ihrer moralischen und persönlichen Befindlichkeit. Geschaffen nach Gottes Bild und Gleichnis, um seine Kinder zu sein, wird dieses Bild verdunkelt und verhöhnt. Gott übernimmt es, sie zu verteidigen, er liebt sie.«

Zu den Werken der Barmherzigkeit gehört immer ein Drohruf gegen die, die sie unterlassen. Hier sind es die gemachten Leute, die den hungernden Christus übersehen. Jesus sagt zu ihnen: »Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben.«

Das Evangelium erlaubt keine Neutralität. Es stellt jede und jeden vor diese Frage: Auf welcher Seite stehst du? Für wen stehst du auf? Mit welchem Interesse schweigst du? Was ist dir wichtiger? Dienst du Gott oder Götzen?
Aber die Bibel ist nicht dazu da, um ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern um ein Gewissen zu machen. Das eigene Gewissen lernen heißt auch, Ungeduld und Zorn lernen über Zustände, in denen die einen überfressen sind und die anderen hungern. Zorn ist die Gabe derer, die sich nicht abfinden und die das Brot der Armen vermissen.

Es gibt eine Voreingenommenheit, die die Augen öffnet. Wer nicht voreingenommen ist von dem Wunsch nach Gerechtigkeit, der nimmt das Leiden der Gequälten nicht einmal wahr. Ein Südamerikabesucher kann wundervolle Strände sehen, betörende Sonnenaufgänge erleben, ohne hungernde Straßenkinder wahrzunehmen. Nein, emotionale Neutralität bringt kein klareres Urteil.

Voreingenommenheit ist die Bildung des Herzens, die uns das Brot der Armen vermissen lässt. Das gebildete Herz ist nicht neutral, es fährt auf, wenn es das Recht verraten sieht. Der Zorn ist eines der Charismen des Herzens. Er ist eine der Eigenschaften Gottes, der nicht duldet, dass Menschen verhungern und dass seine Welt gequält wird. Dieser Zorn will niemanden vernichten. Er will bekehren. Der gerechte Zorn verurteilt die Tat, aber bejaht den Täter und will ihn zur Veränderung locken. Er gibt ihm »das Recht, ein anderer zu werden«, sagte Dorothee Sölle.
Fulbert Steffensky
Quelle: Wochenzeitung Christ & Welt, Ausgabe 29/2015,
Fortsetzung folgt.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.